Von
außen ist nichts zu sehen. Nur eine weiße Wand und eine grüne
Eisentür. Nasser, 22, kramt den Schlüssel aus der Tasche und
sperrt auf: "Geht einfach die Treppe runter, links an der
Toilette vorbei, dann seid ihr im Proberaum." Im Keller ist es
düster. Auch als Nasser das Licht anschaltet, sieht man nicht
viel mehr als die Treppenstufen.
"Underground-Musik", sagt er und muss lachen. Die Tür schließt
er sorgfältig hinter sich ab: "Vor einiger Zeit war jemand vom
Geheimdienst hier, seitdem sind wir vorsichtiger geworden." Das
klingt ein wenig dramatisch, für einen kurzen Moment ist man
sich nicht sicher, ob es als Witz gemeint ist.
Geheimdienst, wieso das denn? "Wir sind Heavy-Metal-Musiker",
sagt Nasser. "Das kann in unserem Land einen Haufen Ärger
bedeuten." Denn wer in Jordanien Metal hört, bekommt nicht nur
Stress mit Nachbarn, die sich über den Lärm beschweren - "hier
kann man dafür sogar im Gefängnis landen".
Nasser ist bereit, das Risiko einzugehen: Vor drei Jahren hat er
gemeinsam mit seinem Freund Adnan, 22, die Black Metal-Gruppe
"Infested Mind" gegründet. Mit Zeid, 23, Drummer einer
befreundeten Band, sitzen sie im Proberaum. Alle drei studieren
in Jordaniens Hauptstadt Amman an der School of Audio
Engineering, die Toningenieure, Grafiker, Multimedia-Spezialisten
sowie Film- und Musikproduzenten ausbildet. Sie tragen schwarze
T-Shirts und Turnschuhe, haben die Zigarette in der einen Hand,
die Bierdose in der anderen. Harmlos, denkt man. "Aber die Leute
hier glauben, dass wir Tierblut trinken", sagt Adnan.
Bugs-Bunny-Shirt beschlagnahmt
In
einer Gesellschaft, die ohnehin viele Jugendliche zum Spagat
zwischen Tradition und Moderne zwingt, ecken die Metal-Fans mit
ihrer scheinbar aggressiven Musik und den schwarzen Klamotten
an. "Sie sagen, wir veranstalten Orgien auf unseren Konzerten,
nehmen Drogen und beten den Teufel an", sagt Nasser. Ein Vorwurf,
über den er nur lachen kann. "Wir sind gläubige Muslime. Wir
beten zu Gott und nicht zu Satan."
Heavy Metal gibt es in arabischen Ländern noch nicht lange: Die
ersten Konzerte fanden in den neunziger Jahren statt, begleitet
von Ärger mit der Polizei. 1997 wurden bei einer Razzia in
Ägypten rund 70 Jugendliche verhaftet. Die Polizei nahm alles
mit, was ihnen in deren Zimmern verdächtig vorkam: Poster, CDs
und Kassetten – sogar ein schwarzes T-Shirt mit
Bugs-Bunny-Aufdruck.
Im März 2003 stürmten Polizisten ein Metal-Konzert in Marokko
und nahmen 14 Jugendliche fest, die zu zwölf Monaten Haft
verurteilt werden sollten. Begründung: Metal-Musik untergrabe
den muslimischen Glauben und die Moral in der Gesellschaft.
Daraufhin gingen 500 Jugendliche auf die Straße - und das Urteil
wurde aufgehoben.
Nur Geheimkonzerte sind möglich
In
Jordanien gab es in der letzten Zeit keine Festnahmen mehr. "Aber
das liegt einfach daran, dass sie unsere Konzerte gleich
verbieten. Wenn wir Plakate aufhängen oder Flyer verteilen, sind
die Leute vom Geheimdienst die ersten, die anrufen", sagt
Nasser.
Er nimmt die Gitarre in die Hand und nickt Adnan zu. "Was
spielen wir?", fragt er. Adnan legt am Schlagzeug einfach los.
Der Bassist fehlt, er ist im Ausland. Nasser und Adnan stört das
nicht. Es wird laut im Proberaum, für die nächsten Minuten sind
die beiden völlig in ihr Spiel vertieft.
"Das Gefühl, auf der Bühne zu stehen und auf Tausende Metal-Fans
zu schauen, die alle das gleiche fühlen wie du, das ist
unglaublich." Wann er das letzte Mal richtig aufgetreten ist -
er kann sich kaum erinnern: "Lange her. Konzerte sind im Moment
nur im Geheimen möglich. Wir haben außerhalb von Amman ein Haus,
Richtung Flughafen. Da können wir uns manchmal zu einem Gig
treffen." Ein richtiges Konzert ersetze das aber nicht.
"Heavy Metal-Fans seien Sturköpfe. Wir schaffen es irgendwie
weiterzumachen", sagt Muhannad Bursheh, 22. Er studiert
ebenfalls an der School of Audio Engineering, spielt in gleich
vier Death-Metal-Bands und hat erst vor kurzem im Keller seiner
Eltern das Studio "Phexataan" eröffnet. Wer ihn besuchen will,
muss durch Garage, Hintertür und Küche und dann die Treppe
hinunter.
"Satanismus ist verboten"
Die
Wände des Studios sind dunkelrot bemalt, überall stehen
Bierdosen und Aschenbecher, die Luft ist stickig. "Im Moment
arbeite ich an zwei Alben", sagt Muhannad, "ich hoffe, dass es
noch mehr werden." Denn trotz aller Probleme mit Geheimdienst
und Polizei gibt es derzeit etwa zehn Metal-Bands in Jordanien.
"Und insgesamt sind wohl 700 Leute in der Szene aktiv." Bei
sechs Millionen Jordaniern zwar eine geringe Anzahl, doch die
Szene wachse auch durch die Repressionen, sagt Muhannad: "Das
ist ein einfaches Prinzip. Was verboten ist, gewinnt an Reiz."
Mit der Metal-Szene wächst das staatliche Misstrauen. Wer sich
als Außenstehender in Ministerium oder Behörden nach den
Heavy-Metal-Fans erkundigt, bekommt nach unzähligen erfolglosen
Telefonaten immer die gleiche Antwort: "Damit habe ich nichts zu
tun, fragen Sie jemand anderen."
Die gleiche Reaktion auch bei der Polizei: Keiner möchte
zuständig sein. "Wir haben zwar nichts gegen die Musik. Aber
Satanismus ist verboten", sagt schließlich einer der Polizisten,
der seinen Namen nicht nennen möchte. Der Frage, was beides
miteinander zu tun hat, weicht er aus. "Jeder Musiker, der eine
Lizenz hat, kann ein Konzert veranstalten." Warum aber bekommen
Metal-Fans keine Lizenz? "Das entscheidet jemand anderes, dafür
bin ich nicht zuständig."
Ein Lockenkopf fällt auf
Adnan
hat vor einiger Zeit versucht, die Polizei zu einem Konzert
einzuladen. "Ich dachte, wenn die Regierung mehr über uns weiß,
dann hätte sie auch keine Probleme mehr mit uns." Aber auf
seinen Brief bekam er keine Antwort.
"Es gibt keine andere Musikszene, die so von Vorurteilen
belastet ist wie die der Heavy-Metal-Fans", sagt der jordanische
Musikjournalist Iwad Hamam. "Und zwar nicht nur von der Seite
der Behörden, sondern auch von der Gesellschaft." Missbrauch von
Alkohol und Drogen werde auch anderen Musikern vorgeworfen. "Aber
die Metal-Fans haben schon deshalb mit mehr Vorurteilen zu
kämpfen, weil sie mit ihrem Äußeren überall anecken."
Die Musiker heben sich deutlich von anderen arabischen
Jugendlichen ab. Muhannad trägt eine Schirmmütze, auf seinem
T-Shirt prangt das Cover einer Metal- Band. Sein Freund Hani
sitzt neben ihm auf dem Sofa, die langen Haare zu einem
Pferdeschwanz gebunden, er trägt eine beige Army-Hose. Nasser
wird bei Familienfesten sogar von Verwandten angestarrt – wegen
seines Lockenkopfes.
Trotz der zahlreichen Probleme kommt es für keinen von ihnen in
Frage, die Musik aufzugeben. "Heavy Metal ist magisch", sagt
Adnan. "Heavy Metal ist alles", sagt Nasser. Und Hani würde
dafür sein Leben geben - oder zumindest die Heimat: "Wenn sich
die Situation in Jordanien nicht bessert, wäre die Musik für
mich definitiv ein Grund, Jordanien zu verlassen."